Was geht, was bleibt

Als ich über Loriot nachdachte dieser Tage, fiel mir auf, dass meine sprachliche Entwicklung und Sozialisation fast mehr durch diesen Mann geprägt wurde als durch die Deutschlehrer meiner 13jährigen Schulzeit. Und nicht nur das.

Auch sein Humor hat sich nachhaltig in mein Bewusstsein gedrängt, sowie die Art, zu respektieren, was zu respektieren ist, aber auch sich über Dinge lustig zu machen, die das verdienen. Wer weiß, was sonst aus uns geworden wäre (nicht auszudenken!).

Das kann ich nicht leiden

Im steten Bemühen, das Sommerloch zu füllen, hatte eine große Handelszeitung für IT zuletzt eine Liste als Artikel, wie man seine Mitarbeiter in den Wahnsinn treiben kann. Die darin beschriebenen Maßnahmen (Kostprobe: “Ahmen Sie Fax- und Modemgeräusche nach”) waren nicht nur sterbenslangweilig, sondern auch steinalt, die geistern schon durch die Online-Welt, seit es E-Mail gibt. Was einen dagegen wirklich kirre machen kann und auch tatsächlich aktuell immer wieder passiert, sind die folgenden Aktionen.

Kollegen im gleichen Büro

  • Telefonieren Sie in meiner Gegenwart grundsätzlich immer mit anderen Teilnehmern, indem Sie das (meist tragbare) Telefon auf Lautsprechen stellen.
  • Geben Sie mir den Apparat, damit ich dem Anrufer weiterhelfe und sein Anliegen bearbeite, “weil ich mich ja besser auskenne” (ohne mich vorher einzuweihen, das erhöht die Spannung)
  • Wenn Sie im gleichen Büro laut mit anderen reden oder gar mit ihnen schimpfen, achten Sie nicht darauf, ob ich gerade mit einem wichtigen Geschäftspartner telefoniere. Bei uns geht es aber fröhlich zu, denkt er dann sicher.
  • Versenken Sie Anrufer im Nirvana, wenn Sie diese zu mir weiterleiten. Sie arbeiten seit drei Jahren in der Firma, weigern sich aber, die Telefonanlage richtig zu bedienen. Dafür können Sie alle Strophen von Schillers Glocke auswendig.
  • Bestellen Sie wichtige Anrufe für eine Zeit, wenn Sie nicht da sind, und deaktivieren Sie Ihre Voicebox, damit ich mit denen rede, weil ich mir nach dem 20. Klingeln dann doch den Anruf ranholte.

Telefonteilnehmer

  • Lassen Sie mich grundsätzlich auf Ihrem Anrufbeantworter auflaufen, egal ob Sie da sind oder nicht. Gibt Ihnen so eine Aura des Unnahbaren.
  • Nehmen Sie an einem anderen Apparat einen Anruf ab, während Sie noch mit mir telefonieren, am besten nach einem kurzen: “Moment”.
  • Sprechen Sie mit mir grundsätzlich nur im Freisprechmodus, damit ich die Athmosphäre in Ihrem Büro zu schätzen weiß und mitbekomme, wie fleißig Sie anderen Kollegen helfen, während wir telefonieren.
  • Leiten Sie Anrufe auf Ihr Handy um oder rufen Sie zu wichtigen Dingen immer aus dem Auto an. Wen interessieren schon die Details, die im Umgebungsgeräusch oder den Aussetzern des Mobilnetzes untergehen.
  • Bestücken Sie Ihre Telefonanlage mit Lullmusik (mein Favorit: Kenny G.) und gehen Sie nie direkt dran, sonder nach fünf Minuten Wartezeit. Wenn ich aus Wut anrief, ist die garantiert weggekocht – wenn ich mich überhaupt noch erinnere, warum ich überhaupt bei Ihnen angerufen hatte.

E-Mails

  • Kümmern Sie sich nur um das erste Anliegen in der Mail. Der Rest ist meist unwichtig. Was schreib ich auch mehr als eine Sache in eine Mail rein.
  • Wenn Sie mir schreiben, nehmen Sie irgendeine Mail, antworten drauf, und zwar irgendwo in der Mitte. Den Betreff können Sie ruhig so lassen wie vorher.
  • Verstecken Sie Ihren Text in HTML-Anhängen.
  • Senden Sie mir ruhig die 20-MB-Datei ihres aktuellen Wirkungsbereichs als Hintergrundgrafik. Text allein ist ja soo langweilig.
  • Frage und Bitte sind als Betreff gut, da kann ich mich schon mal geistig vorbereiten.

Langeweile

Kinder klagen besonders häufig darüber: die Langeweile. Doch was ist das? Ich kenne es nicht. Egal wo ich bin und warten muss: Es macht mir nichts aus. Und ich habe zwar manchmal ein Buch dabei oder lese in meinem iPhone in den diversen Socialmedia-Apps, doch nicht immer. Ich finde längere Zeiten, in denen nichts passiert, angenehm, als würde das Leben Luft holen. Und ich rede hier nicht nur von fünf Minuten. Die kann auch der größte Hektiker überbrücken.

Aber sitzen wir im Restaurant und der Kellner kommt nicht, oder der Bus ignoriert den an der Haltestelle ausgehangenen Fahrplan: was soll es?

Asocial media

Nach Wer kennt wen, DingstaVZ, Xing, Twitter, Facebook buhlt seit kurzem Google Plus (von mir oft despektierlich Gurgelplus genannt) um die Aufmerksamkeit. Eine schöne straighte Oberfläche. Viele Kontakte in kurzer Zeit. Was in Twitter zwei Jahre und in Facebook zwei Monate brauchte, konnte man hier in zwei Wochen zusammen bekommen. Man erreicht Menschen, die bei Twitter wegen 100.000 Verfolgten nicht mal mehr reinschauen und bei denen man in Facebook bei einer Freundesanfrage entweder keine Antwort bekommt oder direkt die Meldung “Diese Person hat schon zu viele…”.

Doch mit dem neuen Dienst, so schön er auch sein mag, wächst auch die Belastung. Der Nachrichtenstrom, die Fülle an Informationen ist exponentiell gewachsen. Es tauchen Fragen auf: Poste ich einen Eintrag nur auf Twitter, nur auf Facebook, nur auf Google Plus oder auf allen dreien? Reagiere ich auf einen Eintrag oder bin ich nur Lurker, der irgendwann man aus den vielen Kreisen, in die man aufgenommen wurde, wieder rausfliegt, weil ich nichts Erheiterndes, Erhellendes, Erbauendes beitragen konnte?

Die Lösung ist, wie so oft, so einfach: I don’t care. Social Media Dienste sind wunderbare Kontaktinstrumente, aber sie füttern keine Tiere und drucken kein Geld (auch wenn andere Ihnen das weiß machen wollen). Insofern nehme ich sie zwar ernst, aber nicht wichtig. First things first. Und das ist nicht Social media.

Und was wo landet, entscheide ich von Fall zu Fall. Crosspostings sind möglich, aber nur wenn sinnvoll, keinesfalls automatisch.

So ändern sich die Zeiten

Bloggen früher:

  • Es heißt DAS Blog.
  • Mindestens einmal täglich Spiegel Online zitieren!
  • Kommense rein, vielleicht ist noch irgendwo ein freier Stuhl.
  • Praschl wieder:… OMG. Der hat ja sooo recht. Mein Kind soll seinen Namen tragen.
  • Wie bitte? Du wirbst in deinem Blog? Runter von meiner Linkliste.
  • Bloglesung? Wie spannend!
  • Kommentare moderieren? ZENSUR!
  • Ein Award, ein Award, ein Award!
  • Warum sollte ich Bloggen? Ich hab doch eine Homepage!

Bloggen heute:

  • Es heißt DER Blog.
  • Spiegel Online zitieren geht gar nicht!
  • Kommense rein, den Sitzplatz können Sie sich frei wählen.
  • WTF is Praschl?
  • Wie bitte? Du wirbst nicht in deinem Blog? So doof kann man doch gar nicht sein.
  • Bloglesung? Wie langweilig…
  • Kommentare nicht moderieren? BIST DU WAHNSINNIG?
  • Ein Like, ein Like, ein Like!
  • Warum sollte ich Bloggen? Ich bin doch bei Facebook, Twitter und Google+!

Die vertane Chance

Computer haben den Medien viele Vorteile gebracht: Mit ihnen lassen sich Vorgänge deutlich beschleunigen. Ein weiterer Vorteil ist, dass man bis kurz vor Drucklegung oder Veröffentlichung alles ändern kann. Doch statt diesen Vorteil in den kreativen Prozess einzubinden und zu probieren, umzuwerfen und es dann neu zu machen, wird nach wie vor gearbeitet, als haue man die Ergebnisse in Stein. Der Zeitvorteil wird nicht dafür genutzt, das Ergebnis zu verbessern, sondern den Output zu vervielfachen. Korrekturen sind nicht erwünscht und häufig auch nicht möglich. Das Resultat muss beim ersten Mal perfekt sein.

Leider wird dadurch das Ergebnis nicht besser. Die Folge: halbgare Druckerzeugnisse, Online-Artikel, die von Fehlern nur so wimmeln und ein Stress, den man sich vor der Elektroära nicht hätte träumen lassen. Denn kreative Prozesse brauchen nun mal eine Zeit zum Reifen und die Gelegenheit, sie zu ändern. Wer seinen Text in Stein gehauen hat oder mit der Schreibmaschine getippt, der musste kein Buch oder komplette Europa-Werbekampagne in vier Wochen abliefern, der hatte Zeit. Das kam auch dem Inhalt und der Form zugute.

Das Pferd frisst wieder Gurkensalat

Vor genau zehn Jahren schrieb ich meinen ersten Blogeintrag, damals noch in blogger.com – lange bevor Google es gekauft hatte und (zumindest dem Namen nach) verschwinden lassen will. In den folgenden Jahren bloggte ich mit unterschiedlichen Systemen – Sunlog, PMachine, WordPress – und seit etwa 2008 lagen die Editorial Notes komplett auf Eis. Ich war seit dem nicht untätig, habe mehr als 10.000 Tweets abgesetzt, bei neuerdings mehr als 600 Artikel geschrieben und bin seit Anfang des Jahres auch bei Facebook aktiv (und seit kurzem in Google Plus).

Doch wie heißt es so schön:

Es kommt die Zeit, da will die Säge sägen!

Deswegen gibt es grad noch rechtzeitig zum “Zehnjährigen” einen Neustart und regelmäßige Updates. Stay tuned.