Der Ver-Lust der Unschuld

Bestimmte Worte, die eigentlich harmlos klingen, kann man mittlerweile nicht mehr benutzen, weil sie auch in sexualisiertem Zusammenhang eingesetzt werden. Und weil über bestimmte Praktiken im Zusammenhang mit diesen Worten jederzeit öffentlich geredet und geschrieben wird. Entsprechende Ratgeber sind ja inzwischen schon in jeder Bäckerblume enthalten.

Um unsere Texte anderen Inhalts gar nicht erst in die falsche Richtung zu lenken, verwenden wir deswegen statt blasen das Wort pusten und machen selbst um ähnlich klingende Worten mit völlig anderer Bedeutung einen Bogen.

Das Gehirn des Menschen ist nämlich ein kleines Kind: auf die falschen Schlüsselwörter galoppiert es in die völlig falsche Richtung, und die ursprüngliche Botschaft, der Inhalt eines Textes ist dann nur noch schwer zu vermitteln, weil, haha, er hat … gesagt. Oder geschrieben.

Andererseits findet niemand mehr etwas dabei, den Begriff “geil” zu benutzen, und auch Fäkalienbegriffe wie Scheiße oder Kacke gehören inzwischen zum Standardrepertoire vieler bei der Beurteilung von Sachverhalten. Da sind wir abgestumpft genug.

Eine Frage des Gefühls

Wer glaubt, wenn man einen Beruf ergreift, bei dem man sich hauptsächlich mit Technik beschäftigt, dann hat man nur mit den Funktionen der Maschinen und Geräte zu tun, der irrt sich gewaltig. Das stelle ich vor allem fest, wenn ich anderen den Umgang damit beibringe oder mich um ihren “Fuhrpark” kümmere.

Das ist insgesamt emotionaler als ich mir das anfangs vorgestellt hatte. Man traut Blechtrotteln mit der auf ihnen laufenden Weichware gar nicht zu, so viel Leid zu verursachen. Aber tatsächlich kann ich sagen: den Rand der Verzweiflung kenne ich genau, andere haben ihn mir gezeigt.

Das kann man nur verstehen, wenn man schon mal die hochkochende Wut in den Augen der sonst friedlichsten Menschen gesehen hat, weil etwas nicht funktionieren will. Den leeren Blick ob der eigenen Hilflosigkeit im Umgang mit einem Programm, das sich standhaft weigert, den gewünschten Vorgang so auszuführen wie sie glaubten dass es richtig sei.

Geduld ist hier der Schlüssel. Mit den Menschen und den Maschinen. Und die fängt bekanntlich dort an, wo man glaubt, man habe keine mehr. Es braucht und hat alles seine eigene Zeit.

Auch die eigene Wortwahl ist wichtig, sie wirkt entweder Wunder oder Wutausbrüche. Lästert man daheim über eigene Probleme in Facebook oder Twitter noch ab, ist hier Ironie oder Zynismus überhaupt nicht gefragt. Das kann sonst nach hinten losgehen.

Den Humor sollte man sich trotzdem nicht nehmen lassen. Denn mit einem Lächeln hat sich auch schon so manches Problem in Wohlgefallen aufgelöst. Sogar bei der störrischen Technik.

Ich bin ein Textmensch

Es gibt Textmenschen und Bildmenschen. Textmenschen können gut schreiben und Bildmenschen gut fotografieren und filmen. Beides liegt mir nicht so. Ich muss mich immer geradezu zwingen, die Kamera draufzuhalten, und selbst dann gelingt mir der ideale Moment nur selten. Andere, meine Tochter beispielsweise, die knipsen und es wird Fotokunst.

Doch Schreiben, das finde ich einfach nur wunderbar, da gehe ich auf, und ich stelle fest, dass von einigen meiner Texte sogar ein gewisser Zauber ausgeht. Das sagen auch manche Menschen, die sie gelesen haben, und ich sitze dann da und schaue etwas ungläubig, aber zugleich wissend, so wie Textmenschen das tun.

Ode an die Siebziger (II)

Kino, das war in meiner Kindheit der Ort, wo man Filme schaute. Ehrlich. In groß, und faszinierend wie später nie wieder, obwohl es damals weder 3D gab noch Dolby-Raumklang (Ausnahme siehe unten). Videorecorder gab es noch nicht, die Scheiben- oder Movieplayer der letzten Jahre sowieso nicht. Filme wurden also ausschließlich im Großformat konsumiert. Vielleicht kommt daher ihre Faszination. Oder es liegt an der Welt, die sie abbildeten. Ein paar Klassiker aus den Siebzigern.

2001 – Odyssee im Weltall – Diesen Film nicht im Kino zu sehen geht fast gar nicht. Die klaustrophobe Athmosphäre und die Weite des Alls zugleich – dazu gehört einfach die Dunkelheit eines Kinosaals und die Einsamkeit des Zuschauers in seinem Sessel.

Kampfstern Galactica – Wo Filme heutzutage mit 3D die Käufer ins Kino lockten, versuchten sie es in den Siebzigern mit Sensurround. Das hat mit Raumklang nichts zu tun, sondern waren besonders tiefe Töne, die den Zuschauer in seinem Sitz vibrieren lassen sollten, etwa bei Filmen wie Erdbeben oder auch dem ersten Kampfstern Galactica. In Köln war es nach meiner Erinnerung das Residenz, in dem wir den Film in dieser Technik anschauten – und fasziniert waren, vor allem von den chromblitzenden Zylonen.

Telefon – Des Waldes dunkel zieht mich magisch an, doch muß zu meinem Wort ich stehn und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann. Wer diesen Text kennt, hat ihn wahrscheinlich im Film “Telefon” gehört, wo ein Wahnsinniger so Schläfer weckt, die dann irgendwas in die Luft sprengen. Hier schon weht der Hauch des endenden (alten) Konflikts zwischen Ost und West.

Flammendes Inferno – Als dieser Film in die Kinos kam, waren wir eigentlich zu jung, um ihn zu sehen. Mein Freund war jedoch ein absoluter Feuerwehr-Freak (er schlief z. B. nachts mit einer über echten Feuerwehrstiefeln gestülpter Hose, um bei Alarm direkt zu Einsätzen fahren zu können). So schaffte sein Vater es, dass wir doch eine Vorstellung besuchen konnten. Der Film ist ein Abgesang auf Größenwahn, Pfusch am Bau und unverantwortliches Handeln. Ich hab ihn später immer wieder gerne gesehen (allerdings hat irgendeiner mal die Synchronstimmen modernisiert – schrecklich!).

Krieg der Sterne – Als der erste Film Ende der Siebziger in die Kinos kam, haben die deutschen Verleiher wohl eher an ein B-Movie gedacht, denn in Köln lief er nur im Theater am Rudolfplatz. Ich könnte jetzt einen Puristen-Lobgesang auf die noch nicht digital verhunzte Fassung loslassen, aber die gefällt mir auf ihre Art auch. Geradezu genial waren die bombastischen Effekte, und den Grabenflug muss man im Kino gesehen haben.

Kongress der Viehbarone

In diesem Jahr war ich zum, wenn ich richtig zähle, 27. Mal auf der CeBIT. Grundsätzlich gilt immer noch, was ich hier zum “silbernen Jubiläum” meiner Teilnahme schrieb. Doch in diesem Jahr kam ich mir vor wie ein Veganer auf dem Kongress der Viehbarone.

Da die Messe sich dem Fachpublikum verschrieben hat, war die Situation entspannt, man kam sich vor wie früher auf der Systems. Morgens wenig Verkehr, Parkplatz gut zu bekommen (sogar unter Halle 1), und auch auf dem Gelände wenig Gedränge.

Um es auf den Punkt zu bringen: ICH FAND DAS TOLL!!! Die operative Hektik der vergangenen Jahre vermisse ich kein bisschen.

Doch was mir nicht gefiel, ist die (thematische) Entfernung der Messe vom Anwender. Die Bewältigung großer Datenmengen, was das Schlagwort “Datability” wohl ausdrücken soll, ist für Firmen bestimmt ein Thema, das wichtig ist.

Darüber hinaus ist die Nutzung der Computer- und Telekomtechnik in der Industrie sicher sinnvoll, jetzt, wo das dank leistungsfähiger Elektronik endlich auch für zeitkritische Aufgaben möglich ist.

Aber die ganzen anderen Themen sollten darüber auch nicht vernachlässigt werden. OK, um die Auswahl des richtigen Handys kümmert sich vielleicht die MWC, und Multimediaschnickschnack wandert zur IFA.

Aber welches Tablet, Notebook oder PC mit welchem System und welcher Software für die Allroundnutzung das beste ist, ging im Wust der Industrie- und Profithemen unter. So kann meine Forderung an die nächsten Jahre nur lauten: MORE BEEF!

Warum nur

“Wenn auch nur die Form eines einzelnen Satzes gelingt, der scheinbar nichts mit allem gemein hat, was ringsum geschieht – wie wenig das Uferlose uns anhaben kann, das Gestaltlose im eigenen Innern und rings in der Welt! Das menschliche Dasein, plötzlich erscheint es lebbar, ohne weiteres, wir ertragen die Welt, sogar die wirkliche, wir ertragen sie in der wahnwitzigen Zuversicht, dass das Chaos sich ordnen lasse, fassen lasse wie einen Satz, und die Form, wo immer sie einmal geleistet wird, erfüllt uns mit einer Macht des Trostes, die ohne gleichen ist.”

Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, gefunden hier.

Die beste aller Zeiten, die schlechteste aller Zeiten

Zurzeit tobt in Köln wieder der Karneval. Als Kinder haben wir das immer gerne gehabt, auch weil mein Vater als Chorsänger die Lieder der karnevalistischen Hitparade im WDR begleitete. Da war er dann immer viel mit den Sängern und Gruppen unterwegs, wir durften auch ab und zu mit.

In diesem Video ist mein Vater zu sehen: Im Chor der Mann rechts mit Bart. Kleiner Seitenaspekt: das rhythmische Klatschen zur Untermalung war durchaus nicht trivial, da Teile des Liedes einen 5/4-Takt haben

Als Jugendliche haben wir dann aufgedreht: wir waren in der Tanzschule (Lenzen in Mülheim) in den vielen Veranstaltungen, gingen auf das Fest in Blau, dann Sonntags zum Ortskarnevalszug, Rosenmontag nach Köln – und am Ende wurde im Agnesviertel feierlich der Nubbel verbrannt.

Irgendwann ist die Faszination aber erloschen wie ein Feuer, dem der Sauerstoff fehlt. Die Musik zündete nicht mehr, die Lieder klangen irgendwann alle immer gleich, und wie das so ist, kommt dann die Schwelle, wo einem das fürchterbar auf die Nerven geht. Den Straßenkarneval empfand ich diesmal als eine Hölle voller Zombies, aber ich war auch nur nachts zwei Mal in der Stadt, um jemand abzuholen.

Wie es drinnen aussieht, kann ich daher nicht sagen. Wer mit Karneval Spaß hat, soll ihn haben, ich verurteile das nicht. In dieser Zeit, wo alles nur noch auf Leistung und Profit ankommt, scheinen die Menschen wieder solche Ventile zu brauchen – vor allem, wenn sie merken, dass TV mit Lanz und Barth als Ablenkung vom Alltag nicht lange vorhalten.

Selbst verordnete Hilflosigkeit

Neulich lief im Fernsehen wieder “Die Unbestechlichen”, der Film über die Watergate-Journalisten mit Dustin Hofmann und Robert Redford. In einer Szene musste Bob Woodward (Redford) eine Telefonnummer herausfinden und wühlte sich tatsächlich über mehrere Stunden durch einen Riesenhaufen dicker Telefonbücher. Da kam mir in den Sinn:

Wir leben in einer Welt mit Navi, eBook-Reader, Handy, Tablet, Internet, Multifunktionsdrucker, Lieferservice und alles ist ja auch wunderbar. Aber wenn ich sehe, wie hilflos manche Menschen agieren, sobald ihnen eines dieser Teile abhanden kommt, bin ich froh,

…auch ohne Navi zu einem Ort zu gelangen, den ich nur auf der Karte gesehen habe
…auch ohne Suchfunktion in einem Text, einer Zeitschrift oder Buch eine bestimmte Information zu finden
…einmal am Tag etwas zu schaffen, wo der einzige Strom, der höchstens fließt, einen Bohrmaschinenmotor oder eine Stichsäge antreibt
…mit barem Geld einzukaufen und solches auch wieder zu bekommen
…eine vom Sinn her nachvollziehbare Notiz leserlich auf einen Zettel schreiben zu können
…aus einer Handvoll Zutaten auch ohne Rezept ein schmackhaftes Gericht kochen zu können
…eine längere Wartezeit auch ohne Bespaßung irgendeiner Art auszuhalten
…ohne Rechtschreibprüfung fehlerfreie Texte zu verfassen (mit einer Ausnahme: das und dass gehen mir ab und zu dadurch)

Ode an die Siebziger (I)

Ich bin ein Kind der Siebziger. 1962 geboren fiel ein großer Teil meiner bewusst erlebten Kindheit in dieses Jahrzehnt. Ich erinnere mich vor allem an Architektur und Zukunftsträume.

Künstlichkeit war Trumpf. Beton war bei neuen Häusern, Kirchen und kompletten Innenstädten der vorherrschende Baustoff, aus Kunststoff wurden Möbel und andere Dinge des täglichen Lebens hergestellt. Das erlaubte eine fantasievolle Gestaltung, die man anschließend nie wieder sah. Holz und Stahl, natürliche Farben – das kam erst im Laufe der Neunziger nach vorne.

Die Siebziger waren bunt, aber nicht in klaren Farben, sondern vor allem knallig. Orange und Kackbraun, Lila und Pink. Neon noch nicht so sehr, das kam erst später. Mut zur Farbe ist lange schon wieder out. Grau, schwarz und Silber beherrschen unsere Welt.

Musik aus den Siebzigern war noch nicht von elektronischen Taktgebern durchgerechnet, sondern egal ob Disco, Rock oder Balladen alles größtenteils “handgemacht”. Jede Funkproduktion aus dieser Zeit schlägt um Längen den künstlichen Housemüll, der zum Teil heute produziert wird.

Vor allem war die Zukunft offen, man konnte sorgloser träumen. Bis auf die Ölkrise war Energie kein Thema, um das man sich Sorgen machen musste. Die Fronten zwischen den beiden Großmächten waren klar abgesteckt, aber die Situation eskalierte erst Anfang der Achtziger.

Coming soon: kleine Retrospektive mit Filmen und TV-Serien aus dieser Zeit

Ohne Ausweg

Technologie ist ja eine feine Sache, sie hilft uns und macht das Leben immer schöner. Doch häufig führt sie uns in Sackgassen, aus denen ich zunächst keinen Ausweg sehe.

Wer mit Windows groß geworden ist, soll heißen, für wen nur dieses Betriebssystem in Frage kommt, der befindet sich zurzeit in einem kleinen Dilemma. Klein deswegen, weil zwar Version 8.1 veröffentlicht ist, es aber Windows 7 auch noch gibt. Doch das ganz neue Microsoft-Betriebssystem verursacht selbst altgedienten Hasen Bauchgrimmen bis zur ohnmächtigen Wut, weil man einfachste Funktionen erst über fünf Ecken entdecken muss.

Programme findet man nicht mehr wieder, die Systemsteuerung lässt sich nur umständlich aufrufen. Zwar sieht es so aus, als wolle Microsoft mit weiteren Updates – Update 1 zu Windows 8.1, watt’n Witz! – zurückrudern und uns wenigstens erlauben, die Büchse wieder ohne Umstände abschalten zu können. Doch das blöde Gefühl bleibt.

Andersherum ist das, was an Windows in Windows 8/8.1 geblieben ist, leider nicht für Tablets geeignet. Ich kann Dialogfelder leider nicht per Geste großziehen, damit ich die winzig kleinen Anklickfelder mit dem Finger auch treffe, bei denen das mit der Maus problemlos möglich ist. Warum Office 2013, das Meisterstück der Programmierkunst, im Windows-7-Abteil des 8er-Betriebssystems sitzt, weiß auch niemand.

Gänzlich zur Weißglut bringt einen der Zwang zur Anmeldung mit Microsoft-Konto. Kein einfaches oder weggelassenes Kennwort mehr. Hier ist alles sicher. Aber wozu das gut sein soll, weiß niemand.

Alternativen sind leider keine in Sicht. Für MacOS ist die Hardware schlicht zu teuer. Reine Tablet-Betriebssysteme von Gurgel oder Apfel sind wunderschön, aber zurzeit keine ernsthafte Alternative (und mir graut schon davor, wenn sie die Desktops einst komplett ablösen werden), vom Handy reden wir hier gar nicht erst.

Linux, ein Kommentator bei Facebook wies mich darauf hin, hätte ich beinahe vergessen. Leider gibt es Mioonen Varianten, von denen ich keiner richtig vertraue, aus zwei Gründen: durch die vielen Builds und Kernels blicken ja selbst Experten kaum durch. Und dann ist da noch immer die Sache mit der unklaren Hardwareunterstützung. Natürlich ist das auch mein Problem. Aber als Alternative zu Windows 8 möchte ich Linux anderen auch nicht unbedingt empfehlen.

Ich halte mich für einen technikaffinen Menschen, der seit den Kommandozeilenzeiten bei Microsoft und seinem System ist. Aber von diesem Windows habe ich die Schnauze voll. Und mir tun die vielen armen Menschen leid, die mit Windows 8ff. geplagt sind, weil sie nichts anderes mehr bekommen, und die hilflos vor dem System sitzen. Ohne Ausweg.