Langeweile

Kinder klagen besonders häufig darüber: die Langeweile. Doch was ist das? Ich kenne es nicht. Egal wo ich bin und warten muss: Es macht mir nichts aus. Und ich habe zwar manchmal ein Buch dabei oder lese in meinem iPhone in den diversen Socialmedia-Apps, doch nicht immer. Ich finde längere Zeiten, in denen nichts passiert, angenehm, als würde das Leben Luft holen. Und ich rede hier nicht nur von fünf Minuten. Die kann auch der größte Hektiker überbrücken.

Aber sitzen wir im Restaurant und der Kellner kommt nicht, oder der Bus ignoriert den an der Haltestelle ausgehangenen Fahrplan: was soll es?

Asocial media

Nach Wer kennt wen, DingstaVZ, Xing, Twitter, Facebook buhlt seit kurzem Google Plus (von mir oft despektierlich Gurgelplus genannt) um die Aufmerksamkeit. Eine schöne straighte Oberfläche. Viele Kontakte in kurzer Zeit. Was in Twitter zwei Jahre und in Facebook zwei Monate brauchte, konnte man hier in zwei Wochen zusammen bekommen. Man erreicht Menschen, die bei Twitter wegen 100.000 Verfolgten nicht mal mehr reinschauen und bei denen man in Facebook bei einer Freundesanfrage entweder keine Antwort bekommt oder direkt die Meldung „Diese Person hat schon zu viele…“.

Doch mit dem neuen Dienst, so schön er auch sein mag, wächst auch die Belastung. Der Nachrichtenstrom, die Fülle an Informationen ist exponentiell gewachsen. Es tauchen Fragen auf: Poste ich einen Eintrag nur auf Twitter, nur auf Facebook, nur auf Google Plus oder auf allen dreien? Reagiere ich auf einen Eintrag oder bin ich nur Lurker, der irgendwann man aus den vielen Kreisen, in die man aufgenommen wurde, wieder rausfliegt, weil ich nichts Erheiterndes, Erhellendes, Erbauendes beitragen konnte?

Die Lösung ist, wie so oft, so einfach: I don’t care. Social Media Dienste sind wunderbare Kontaktinstrumente, aber sie füttern keine Tiere und drucken kein Geld (auch wenn andere Ihnen das weiß machen wollen). Insofern nehme ich sie zwar ernst, aber nicht wichtig. First things first. Und das ist nicht Social media.

Und was wo landet, entscheide ich von Fall zu Fall. Crosspostings sind möglich, aber nur wenn sinnvoll, keinesfalls automatisch.

So ändern sich die Zeiten

Bloggen früher:

  • Es heißt DAS Blog.
  • Mindestens einmal täglich Spiegel Online zitieren!
  • Kommense rein, vielleicht ist noch irgendwo ein freier Stuhl.
  • Praschl wieder:… OMG. Der hat ja sooo recht. Mein Kind soll seinen Namen tragen.
  • Wie bitte? Du wirbst in deinem Blog? Runter von meiner Linkliste.
  • Bloglesung? Wie spannend!
  • Kommentare moderieren? ZENSUR!
  • Ein Award, ein Award, ein Award!
  • Warum sollte ich Bloggen? Ich hab doch eine Homepage!

Bloggen heute:

  • Es heißt DER Blog.
  • Spiegel Online zitieren geht gar nicht!
  • Kommense rein, den Sitzplatz können Sie sich frei wählen.
  • WTF is Praschl?
  • Wie bitte? Du wirbst nicht in deinem Blog? So doof kann man doch gar nicht sein.
  • Bloglesung? Wie langweilig…
  • Kommentare nicht moderieren? BIST DU WAHNSINNIG?
  • Ein Like, ein Like, ein Like!
  • Warum sollte ich Bloggen? Ich bin doch bei Facebook, Twitter und Google+!

Die vertane Chance

Computer haben den Medien viele Vorteile gebracht: Mit ihnen lassen sich Vorgänge deutlich beschleunigen. Ein weiterer Vorteil ist, dass man bis kurz vor Drucklegung oder Veröffentlichung alles ändern kann. Doch statt diesen Vorteil in den kreativen Prozess einzubinden und zu probieren, umzuwerfen und es dann neu zu machen, wird nach wie vor gearbeitet, als haue man die Ergebnisse in Stein. Der Zeitvorteil wird nicht dafür genutzt, das Ergebnis zu verbessern, sondern den Output zu vervielfachen. Korrekturen sind nicht erwünscht und häufig auch nicht möglich. Das Resultat muss beim ersten Mal perfekt sein.

Leider wird dadurch das Ergebnis nicht besser. Die Folge: halbgare Druckerzeugnisse, Online-Artikel, die von Fehlern nur so wimmeln und ein Stress, den man sich vor der Elektroära nicht hätte träumen lassen. Denn kreative Prozesse brauchen nun mal eine Zeit zum Reifen und die Gelegenheit, sie zu ändern. Wer seinen Text in Stein gehauen hat oder mit der Schreibmaschine getippt, der musste kein Buch oder komplette Europa-Werbekampagne in vier Wochen abliefern, der hatte Zeit. Das kam auch dem Inhalt und der Form zugute.

Das Pferd frisst wieder Gurkensalat

Vor genau zehn Jahren schrieb ich meinen ersten Blogeintrag, damals noch in blogger.com – lange bevor Google es gekauft hatte und (zumindest dem Namen nach) verschwinden lassen will. In den folgenden Jahren bloggte ich mit unterschiedlichen Systemen – Sunlog, PMachine, WordPress – und seit etwa 2008 lagen die Editorial Notes komplett auf Eis. Ich war seit dem nicht untätig, habe mehr als 10.000 Tweets abgesetzt, bei neuerdings mehr als 600 Artikel geschrieben und bin seit Anfang des Jahres auch bei Facebook aktiv (und seit kurzem in Google Plus).

Doch wie heißt es so schön:

Es kommt die Zeit, da will die Säge sägen!

Deswegen gibt es grad noch rechtzeitig zum „Zehnjährigen“ einen Neustart und regelmäßige Updates. Stay tuned.