Komma

Vor etwa dreißig Jahren entdeckten meine Eltern ein neues Hobby: Bauernmalen. Dabei wird ein Stück zunächst farbig gestrichen, dann auf einen hellen Kreis („Spiegel“) Ornamente, Naturmotive und anderes gemalt. Ist alles fertig, geht es zum Patinieren. Mit dunkler Ölfarbe reibt man über die Oberfläche und verleiht ihr so einen antiken Touch.

In der Hochphase war fast kein altes Möbelstück vor Acrylfarbe und Umbra-Tube sicher. Sogar einen Schleiflackschrank aus den Sechzigern verwandelte man so (unter Zuhilfenahme von Holzknubbeln) in einen, den der Almöhi hätte gebaut haben können. Und auch uns steckte man an: nachdem wir einige Stücke bewundert hatten, meldeten wir uns selbst zu einem Kurs an.

Der Kursleiter war Herr Hill, ein gestandener Volksmaler, ein knorriger, lieber Typ, der sonst auch viel mit Behinderten arbeitete. Im Tagungszentrum in der Eifel befand sich eine Werkstatt, wo wir unsere ersten Gehversuche unternahmen. Zunächst mussten wir jedoch so etwas wie das Äquivalent zum Tonleitern üben in der Musik tun: Kommas malen. Eine Stunde lang.

Einen Strich in der Malerei setzte man nicht einfach wie eine Linie, sondern mit Betonung, als Komma. Aus diesen Kommas werden dann die Formen, Figuren, Blüten, Blätter, Verzierungen und alles andere aufgebaut. Wenn man das Prinzip einmal begriffen und den Bogen raus hat (im wahrsten Sinne), ist der Unterschied zwischen einem Bild ohne oder mit Kommas sofort sichtbar. Nur letzteres ist lebendig, das andere einfach nur flach.

Geld verdienen kann man mit Bauernmalen nicht. Nachdem die gesamte Bekannt- und Verwandtschaft bauernbemalte Kisten, Kästen, Schilder, Töpfe etc. geschenkt bekommen hatte, verlor auch für meine Eltern das Hobby wieder seinen Reiz. Auf einem Bastelmarkt haben wir einmal „öffentlich“ gemalt und auch einige Objekte dabei, die wir verkaufen wollten (Milchkanne, Truhe, Namensschild). Das Interesse war eher mau, die Ausbeute Null. Niemand interessierte sich für die Meisterwerke aus Kommas.

Und so ist von der Bauernmalerei nicht viel geblieben – außer ein paar Objekte in diesem Stil in verschiedenen Wohnungen – sowie das Komma.

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